Station 1, 1933

Ich beginne meine Geschichte im Jahr 1933, das Jahr in dem ich meinen 10. Geburtstag feierte, ja ihm gar sehnend entgegen gefiebert hatte. Nicht wenige Wochen zuvor hatte ich die Rede unseres neuen Reichskanzlers im Radio gehört und noch heute erinnere ich mich an diese Stimme und die Begeisterung für diesen Mann, obschon ich den Sinn seiner Worte nicht verstand. Schließlich war ich noch ein Kind. Doch wie gebannt saßen mein jüngerer Bruder Wilhelm und ich vor dem Empfangsgerät und lauschten wie gebannt. Unsere Eltern wirkten nicht ganz so euphorisch, ich meine mich sogar an einen Ausdruck der Sorge oder gar Angst im Blick meiner Mutter erinnern zu können.

Nun, da ich endlich 10 Lenze zählte, durfte ich ins deutsche Jungfolk eintreten, die Vorstufe der Hitlerjugend, die Abenteuer und spannende Erlebnisse verhieß. Am 20. April 1933 fand die Vereidigung statt und ich fühlte mich wie ein kleiner Erwachsener und schritt stolz dem entgegen, was mich erwartete.

Im Sommer dieses Jahres durfte ich auch an der Fahrt ins Lager teilnehmen. Es war so aufregend und die Abenteuerlust ließ mich schon Tage vorher kaum einschlafen. Wir reisten durch die nähere Umgebung, zelteten, saßen am Lagerfeuer, wo wir Lieder sangen und Parolen lernten. Auch hörten wir Reden von Göring und Baldur von Schirach, dem Jugendschaftsführer. Besonders faszinierten mich die Lagerspiele, bei denen wir in zwei Gruppen aufgeteilt wurden und die Fahne der feindlichen Gruppe erobern mussten.

Ich lernte, den Kampf zu lieben, zu marschieren und Gehorsam zu leisten und trainierte hart um möglichst gut bei der Pimpfenprobe abzuschneiden, bei der wir im Laufen, Schwimmen und weiteren sportlichen Disziplinen gemessen wurden. Kenntnisse über unseren Führer wurden auch geprüft und nur allzu gern häufte ich Wissen über Adolf Hitler und seine Ideologie an. Sehr viel später sollte ich begreifen, dass meine Kindheit hier endete und ich Teil einer Kriegsmaschinerie wurde.


Station 2, 1936

Die Bücherverbrennungen im Jahr 1933 waren nur ein Puzzleteil in Hitlers Plan, das deutsche Volk nach seinen Maßstäben zu erziehen und zu bilden. Bis zu meinem 13. Lebensjahr hatte sich vieles verändert. In der Schule verschwanden die Kruzifixe und wurden durch Porträts des Führers ersetzt, zur morgendlichen Begrüßung hieß es nun „Heil Hitler!“ und einige meiner Mitschüler durften nicht mehr am Unterricht teilnehmen, weil sie Juden waren. Es gab auch neue Schulfächer, Rassenkunde und Rassenhygiene und ich lernte zu unterscheiden und stolz zu sein, Arierblut in mir zu tragen. „Minderwertige“ Geschöpfe, so brachte man uns bei, kosteten Steuergelder und könnten kein produktives Leben führen. Es sei besser, sie zu erlösen… In der DJ wurden wir aufgefordert, unsere Lehrer zu melden, sollten wir feststellen, dass sie nicht mit ganzem Herzen hinter unserem Führer standen. Ich wollte alles richtig machen und nachdem ich meinem Gruppenleiter von den kritischen Bemerkungen meines Religionslehrers über die NSDAP berichtete, sah ich ihn nie wieder.

Für einige Wochen veränderte sich dann plötzlich die Stimmung im Land. Die Berichte über die Juden verschwanden aus den Zeitungen, die Anfeindungen schienen nachzulassen. Die Olympischen Sommerspiele in Berlin wurden ausgetragen und wir konnten fast an nichts anderes mehr denken. Täglich schauten wir den Medaillenspiegel in der Zeitung an, saßen am Volksempfänger und verfolgten den grandiosen Triumph der Deutschen. Wir errangen 33 mal Gold, 26 mal Silber und 30 mal Bronze. Dies war doch der Beweis, dass die Deutschen allen anderen überlegen waren, oder nicht? Das musste doch nun auch der Rest der Welt erkennen! Wie naiv ich damals war…


Station 3, 1938

Mittlerweile war ich endlich einer von den Großen und Teil der eigentlichen Hitlerjugend. Insgesamt gehörten ihr inzwischen über 7 Millionen Kinder und Jugendliche an. Noch immer begeisterten mich die Kameradschaft, die gemeinsamen Aktionen und das, was wir lernten. In der Hitlerjugend gab es nun auch Spezialabteilungen, denen wir uns anschlossen und meine Wahl fiel auf die Spezialisierung zum Luftschutzwart. Der Umgang mit kleineren Waffen gehörte für alle dazu. Was ich in dieser Zeit besonders verinnerlichte, war das Führerprinzip. Das bedeutete unbedingtes Gehorsam dem dir Vorgestellten gegenüber und das bis zum Führer hinauf. Mit erschien das zunächst sinnvoll und logisch und ich sollte erst sehr viel später begreifen, was das wirklich bedeutete.

Die Schule trat für mich in den Hintergrund und ich widmete die meiste Zeit und Energie dem Heranreifen zu einem guten Deutschen, der zu einem immer stärker werdenden Reich beitrug. Noch wenige Jahre zuvor waren meine Eltern sehr knapp bei Kasse und mittlerweile gab es genug Arbeit und Brot für alle. Es ging uns gut.

In diesem Jahr marschierte die Wehrmacht in Österreich ein. Völlig kampflos ergaben, ja gar begrüßten und bejubelten die Österreicher die Deutschen und so lauschten wir in der Schule gemeinsam Hitlers Siegesrede im Radio. Im Herbst marschierte die Wehrmacht dann, wieder ohne großes Aufhebens, im Sudetenland ein. Alles schien so einfach, so glorreich und richtig zu dieser Zeit. Dies sollte nur der Anfang sein.

Durch die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend war ich so beschäftigt, dass ich gar nicht richtig bemerkte, dass in unserer Stadt immer mehr Juden verschwanden und auch alte und kranke Menschen weniger wurden. Doch den einen Abend im Spätherbst 1938 werde ich wohl niemals vergessen.


Station 4, 1938 - 1940

In der Reichskristallnacht, so nannten einige die Pogromnacht damals, wurden viele Hammer Juden aus ihren Häusern und wie Vieh durch die Straßen bis zum Marktplatz getrieben, wo man sie dann auf einem Podium als „unser Unglück“ beschimpfte und schlug. Wer eingriff, wurde verhaftet, so dass sich schnell im Volk kein Widerstand mehr regte. Die Häuser, Geschäfte und die Synagoge wurden demoliert und geplündert. Am folgenden Tag mussten wir auf der Bahnhofsstraße über viele Scherben gehen. Der Schaden für diese Menschen war so unermesslich und ich war damals einfach nur froh, dass ich kein Jude war. Hatte man mich in den wenigen Jahren schon zu einer gefühllosen Marionette gemacht, die nur noch ausführte, was ihr Spieler ihr befahl?

Im Jahr 1939 begann dann der Krieg mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen. Viele Männer wurden zum Wehrdienst einberufen. So auch unser Vater. Ich erinnere mich noch an unseren Abschied. Vater war nie so begeistert über den Führer und seine Ideologie gewesen und zog mit Angst in den Krieg. Ich fühlte ein wenig Verachtung in mir und nickte ihm nur distanziert zu, als er das Haus verließ. Hätte ich damals gewusst, dass ich ihn nie mehr wiedersehen würde…

Während die Wehrmacht in immer mehr Ländern einmarschierte, wurde auch Deutschland aus der Luft angegriffen. Abends war es nun geboten, alle Fenster zu verdunkeln. Bei Fliegeralarmen mussten wir alle in unsere Luftschutzräume gehen. 1940 verbrachten wir fast jede Nacht im Keller, und so langsam bekam ich doch Angst und begriff, dass Krieg herrschte und nicht nur Siege und Ruhm mit sich brachte, sondern auch Zerstörung, Verlust und Angst zu uns brachte. Diese Erkenntnis sollte mich noch härter treffen als wir den Bescheid erhielten, dass Vater im Krieg gefallen war…


Station 5, 1941-1943

Als ich meinen 18. Geburtstag feierte, war Deutschland mitten im Krieg und noch glaubten wir an den Sieg und ein besseres Leben für die sogenannte „Herrenrasse“. Als ich die Schule beendete, trat ich den Reichsarbeitsdienst an und half sechs Monate lang dabei, Straßen zu bauen. Dabei verletzte ich mich eines Tages schwer am Bein, wodurch ich zeitlebens Schwierigkeiten beim Gehen hatte. Letztendlich hatte mir diese Verletzung aber wahrscheinlich das Leben gerettet. Denn als es soweit war, dass ich meinen Dienst bei der Wehrmacht antreten sollte, wurde ich in Hamm zum Luftschutz eingesetzt statt an die Front zu ziehen. Meine Aufgabe war es nun, bei Fliegeralarmen die Menschen am Eingang zu kontrollieren und für ein halbwegs geordnetes Vorgehen zu sorgen. Während der Angriffe, die oft sehr lange dauerten, half ich bei der Versorgung der Kinder oder schlichtete Streitereien, die immer öfter vorkamen angesichts der immer stärker zunehmenden Überbelegung der Bunker.

Nach den Angriffen erblickten wir dann die Zerstörung und mussten die vielen Opfer beklagen, die die Angriffe nicht überlebt hatten. Der Krieg war schon lange kein Spiel mehr und sowohl meine Zuversicht auf den Sieg als auch die Überzeugung für die Sache bröckelte immer mehr. Auch die in Umlauf geratenen Flugblätter einer Gruppe, die sich „Weiße Rose“ nannte, machten mich nachdenklich und ich fragte mich mehr und mehr, was nun wirklich stimmte. Mein kleiner Bruder, den ich nur noch selten sah, schien an seinem Glauben an den Führer festzuhalten und verkündete stolz den Satz, den wir im Lager über dem Tor lasen: „Wir sind geboren um für Deutschland zu sterben.“ So kam es, dass er sich mit 17 Jahren im August 1943 der SS-HJ-Division anschloss, einer Armee aus Hitlerjungen, von denen viele nie erwachsen werden sollten.


Station 6, 1944-45

Am 22.04.1944 erlebten wir den schwersten und längsten Angriff auf Hamm. Es war ein schöner Samstag im Frühling gewesen und den letzten Tagangriff im März hatten wir längst verdrängt. Als um 17:45 Uhr der Vollalarm ausgelöst wurde, eilten wir und unsere Nachbarn zu den Luftschutzbunkern ohne zu ahnen, welch großes Unheil über die Stadt hereinbrechen würde. Der Angriff dauerte 58 Minuten, die uns wie Stunden vorkamen. Das Ausmaß war unbeschreiblich. Wir wohnten in der Nähe des Bahnhofs und genau dieser Bereich wurde zum Hauptziel des Angriffs. Als wir zunächst um 21 Uhr die Bunker am Westentor wieder verlassen durften, eilten wir nach Hause, doch unser Haus war nicht mehr da. Nur noch ein Haufen Schutt. Mutter weinte und sank zu Boden und ich stand nur still da und fühlte mich taub. Wir kamen bei Freunden unter, doch Mutter erholte sich nie mehr von dem Tag. Wir hatten alles verloren.

Doch uns sollte noch größeres Unglück widerfahren. Wilhelm, der nun der SS-HJ-Division angehörte, war schon seit längerer Zeit in Caen in der Normandie, nachdem er in einem Lager bei Beverloo in Belgien seine Grundausbildung erhalten hatte. Seine Division wurde am 1. Juni 1944 für einsatzbereit erklärt und so zog die Kinderarmee mit in einen Krieg, der zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon verloren war. Auch Wilhelm kam, wie Vater, nie mehr zurück. Noch heute erinnere ich mich an sein kindliches Gesicht, entstellt von einer ihm anerzogenen harten Maske eines Soldaten. Der Krieg hatte nun das zweite Opfer aus meiner Familie gefordert.

Als Deutschland am 8. Mai 1945 schließlich kapitulierte und ich nach und nach vom Ausmaß der Katastrophe erfuhr, brach nach anfänglicher Fassungslosigkeit und Gefühlstaubheit eine Welle der Emotionen und Gedanken über mich herein. Was hatten wir nur getan? Wie konnte es nur jemals dazu kommen? Wie viele Menschen starben und wie viel Leid wurde in die Welt gebracht, nur weil wir es einem Menschen gestatteten, sich und seine Wahrheit über alle und alles zu stellen?


Station 7, 2020

Nachdem der Krieg vorbei war, versuchte ich die Schrecken und die Bilder aus meinem Kopf zu verdrängen und ein „normales“ Leben zu führen. Nachts in meinen Träumen kamen sie jedoch immer wieder zurück, anfangs fast jede Nacht, im Laufe der Jahre seltener, doch auch jetzt, kurz vor dem Ende meines erstaunlich langen Lebens ereilen sie mich beizeiten und rufen die alten Erinnerungen wach. Erinnerungen an tote Kameraden, zerfetzte Körper fremder Menschen und Leid, das ich selbst anderen zufügte.

Durch den Krieg habe ich alles verloren, was mir lieb war, zuerst meinen Vater, dann meinen kleinen Bruder und schließlich meine Mutter, die den Kummer nicht ertragen konnte.
Jetzt, am Ende meines Lebens weiß ich, dass ich damals als junger Mensch vieles geglaubt und getan habe, was falsch war und anderen Menschen großes Leid bereitet hat. Ich wurde früh manipuliert und instrumentalisiert und ließ es zu, dass man mir Gedanken und Gefühle einpflanzte, ohne diese zu hinterfragen.

Vor kurzem traf ich auf dem Friedhof an der Ostenallee eine junge Frau. Sie saß dort mit ihrem Hund und war ganz in Gedanken, als ich mich zum Verweilen neben sie auf die Bank setzte. Der Hund suchte den Kontakt zu mir und so kamen wir ins Gespräch. Auch sie beschäftigte sich mit der Vergangenheit und war auf einer Art Spurensuche. Sie erzählte mir von ihrem Vorhaben, ihre Geschichte in Rätseln zu verstecken. Dies inspirierte mich und so fasste ich den Plan, mein Erbe als Belohnung für das Lösen von Rätseln und dem Wandeln auf den Spuren des dunklen Teils meiner Vergangenheit auszuloben. Und nun bist du kurz vor dem Ziel angekommen. Um mein Erbe zu erhalten, möchte ich dich bitten, die folgenden Fragen zu beantworten und das letzte Rätsel zu lösen.

Ein Foto vom Hund der jungen Dame, welches sie mir als Erinnerung überließ
 

Station 8, 15.01.2021

Sehr geehrter Mensch,
wenn Sie bis zu diesem Teil der Geschichte gelangt sind, haben Sie den Auftrag des Verstorbenen erfüllt und sind ihm auf seinen Spuren in der Vergangenheit bis in die jüngste Zeit gefolgt. Wir, die WerkstaDT für Demokratie und Toleranz in Hamm, dürfen Ihnen nun das Erbe offenbaren.

Doch zuvor möchten wir Ihnen mitteilen, dass Paul W. mit 97 Jahren friedlich von uns ging. Er schien in den letzten Monaten nach der Begegnung mit einer jungen Dame mit sich in Reine gekommen zu sein. Die Aufarbeitung seiner persönlichen Geschichte war ihm ein großes Anliegen und es war ihm wichtig, der jungen Generation etwas Wertvolles zu hinterlassen.

Um welchen Schatz es sich handelt, erfahren Sie selbst, wenn Sie das folgende Schriftstück lesen.
Wir wünschen Ihnen alles Gute und verbleiben mit freundlichen Grüßen
Ihre WerkstaDT für Demokratie und Toleranz

Mein Vermächtnis

Geschätzte/r Wegbegleiter/in,
nun, da du dieses Schriftstück liest, bin ich von dieser Welt gegangen. Du hast mich auf dieser Reise etwas kennengelernt und hast Anteil an dem dunkelsten Teil meiner Geschichte und der Geschichte Deutschlands genommen.

Sicherlich hast du dich schon gefragt, was denn mein Erbe beinhaltet und was dabei für dich herausspringt. Wenn du mit Reichtum im Sinne von Geld oder materiellem Besitz gerechnet hast, muss ich dich enttäuschen. Doch glaube ich, dass das, was ich dir geben werde, viel wertvoller ist als aller Besitz es je sein könnte.
Ich schenke dir einige Erkenntnisse, die ich in fast 100 Lebensjahren gewonnen habe und hoffe, dass sie aus dir einen besseren Menschen machen, als ich es je war. Mögen sie dich und deine Mitmenschen vor einem ähnlichen Los wie dem Meinen bewahren.

Download der Erkenntnisse von Paul W.

Ich danke dir dafür, dass du meine Zeilen gelesen hast und wünsche dir ein Leben in Frieden und Liebe.
Paul W.